Bürger 1-564398B-278843“ hören musste, weil das sein amtlicher Verwaltungscode war, träumte in den letzten Tagen sogar schon von dem unangenehmen, irgendwie an faule Eier erinnernden Geruch im Hausflur seiner Etage

Bürger 1-564398B-278843 Bürger Frank Kohlhaas,

Bürger Frank Kohlhaas, der im alltäglichen Leben auf die Bezeichnung

Bürger 1-564398B-278843“ hören musste, weil das sein amtlicher Verwaltungscode war, träumte in den letzten Tagen sogar schon von dem unangenehmen, irgendwie an faule Eier erinnernden Geruch im Hausflur seiner Etage. Zwar befand er sich im Geiste um kurz vor 5.00 Uhr morgens — gleich sollte sein Wecker den Traum beenden — auf einem Spaziergang durch ein sonniges Tal, doch war auch an diesem schönen Ort jener modrige Duft, so dass sich Frank selbst im Traum darüber wunderte, wie ein so schönes Tal so wenig einladend riechen konnte.

Als der Wecker klingelte, wurde ihm klar, dass das sonnige Tal Fiktion und der Geruch real war. Das Geräusch war schrill und Frank erwachte mit einem Fluchen. Jetzt hieß es aufstehen, anziehen, hastig frühstücken und den Weg zum Produktionskomplex 42-B antreten.
„Ach, verflucht!“ zischte der unrasierte Mann, als er seinen nicht übermäßig hochgewachsenen, aber dafür irgendwie bulligen und erstaunlich kraftvollen Körper aus seinem billig produzierten Bett wuchtete.

„Hmmmhaaa!“ stieß Frank aus und trottete durch seine noch dunkle Wohnung in das Nachbarzimmer, wo auf ihn eine dreckige Küche wartete. Der Bürger riss die Kühlschranktür auf und würgte schmatzend ein Käsebrot hinunter, das er am Abend vorher noch geschmiert hatte, da er morgens dafür meist keine Zeit mehr hatte.
Der Wasserkocher wurde unter lautem Brausen angeworfen und lieferte nach nur wenigen Minuten das nötige heiße Wasser für einen auflösbaren Kaffee. „Nnnhhaa!“ sagte der junge Mann, was zu dieser frühen Stunde eine relativ frei zu interpretierende Aussage war und sich auf seine Lebenssituation, sozusagen im Allgemeinen, beziehen konnte.

Um 5.27 Uhr zog Frank die leicht ramponierte Wohnungstür hinter sich zu und schlurfte lustlos durch den dunklen Flur, um anschließend das noch dunklere Treppenhaus hinabzusteigen. Irgendwo war hier die Quelle des eierfauligen Gestanks, der Frank seit Tagen nervte. Vielleicht hatte irgendein anderer Mieter, irgend so ein „verdammter Assi“, seinen Müll im Flur abgestellt.
„Ach, was weiß ich…“ brummelte er.

Jeden Morgen war es die gleiche Leier: „Aufstehen, fressen, laufen, schuften“, so wie es Herr Kohlhaas immer formulierte. In den letzten Jahren hatte er jedenfalls sein Leben ganz schön hassen gelernt. Er war jetzt 25 Jahre alt geworden, wohnte in einem mehr als schäbigen Wohnblock am Rande der ehemaligen BRD-Hauptstadt Berlin und arbeitete für einen bescheidenen Lohn als Aushilfe in einem Stahlwerk. Früher hatte er studieren wollen, aber das hatte sich irgendwann irgendwie erledigt aus Gründen, die Frank meistens für sich behielt. Blöd war er eigentlich nicht, aber so richtig hatte er, nach seiner eigenen Einschätzung, die Kurve bisher nicht gekriegt. Allerdings war der Arbeitsplatz im Stahlwerk besser als nichts — zumindest war er doch geeignet, um das Überleben zu sichern. Eine Tatsache, die für Millionen Menschen im Jahre 2027 überhaupt nicht selbstverständlich war.
Jedenfalls tastete er sich an diesem Morgen mal wieder Schritt für Schritt in Richtung seiner Arbeitsstelle vorwärts, vorbei an verfallenen Häusern im Halbdunkel und aufhielt, war in dieser Mittagspause erneut pflichtbewusst zu den Arbeitern hinabgestiegen, um mit ihnen den „One- World-Song“ anzustimmen.

„Arbeiter, jetzt ist gleich Mittagspause! Aber zuerst wird gesungen!“ rief er durch den Raum und alle formierten sich zu einer lustlos wirkenden Reihe, um nach dem Singen des Liedes die kurze Pause genießen zu können:
„Wir sind die Kinder einer Welt und alle sind wir gleich!
Wir lieben diese eine Welt, das große Friedensreich!
Wir kennen keine Rassen, wir kennen keine Klassen …“

Frank hörte in den letzten Wochen immer seltener auf den Text, bewegte die Lippen nicht und schaute an die Decke der Produktionshalle.
„Macht fertig!“ dachte er und schabte gelangweilt mit seinem linken Fuß über den staubigen Boden. Und dann war der Gesang irgendwann verstummt. „Endlich! Diesen Schwachsinn können sie sich langsam mal sparen!“ sagte der Produktionshelfer sehr leise zu sich selbst.
„Gut! Das ging ja halbwegs! Jetzt ist Pause!“ rief der Beamte des „Ministeriums für Produktionsüberwachung“ und A-341 freute sich auf einen hungrigen Biss in sein aufgeweichtes Brötchen.

Doch während seine Zähne eifrig das salzige Salamistück und den vorderen Teil des Brötchens zermalmten, flog ihm ein giftiger Blick des Herrn Gert Sasse entgegen. Der Überwacher kniff seine Augen zusammen und wirkte dabei wie eine böse gewordene Bulldogge.
„A-341! Ja, Sie! Kommen Sie mal zu mir! Beeilung!“ brüllte er aus voller Kehle.
Frank Kohlhaas schoss das Adrenalin in die Venen. Ärger auf der Arbeit konnte er nicht gebrauchen. „Kommen Sie her, A-341!“ schmetterte Herr Sasse, den Helfer erregt zu sich winkend. Kohlhaas folgte der Aufforderung sofort.
„Ich bin der letzte Depp für Sie, was A-341?“ zischte der Mann.
„Äh…nein! Natürlich nicht, Herr.. .äh.. .Sasse!“ stotterte Frank. „Wie meinen Sie das jetzt?“ fügte er stammelnd hinzu.
„Wie ich das meine, du Schwachkopf?“ grollte der Beamte mit einem Blick, der dem jungen Mann das größtmögliche Unbehagen schenkte.
Mehrere bedrückende Sekunden lang herrschte ein bösartiges Schweigen, während sich die Augen des Vorgesetzten bedrohlich verkleinerten und sich buschige, schwarze Augenbrauen darüber schoben.

Als nächstes sah Frank eine mit breiten und speckigen Fingern versehene Faust auf sein Gesicht zufliegen. Es schmerzte und mit einem leisen Knacken reagierte sein Nasenbein auf den heftigen Schlag ins Gesicht. Während einige Blutfäden aus seiner Nase flossen, vernahm A-341 ein Knurren: „Wie ich das meine, du kleiner Pisser?“

„Wenn ich befehle, dass der „One-World-Song“ gesungen wird, dann hast auch du mit zu singen und nicht blöd in der Gegend herum zu glotzen, klar?“ ergänzte Herr Sasse sein schlagkräftiges Argument. Sein Tonfall schwankte nun zwischen leichter Genugtuung und wuchernder Gemeinheit. Frank Kohlhaas war inzwischen in die Knie gegangen, der Schlag hatte wirklich gesessen, und Sasse versetzte ihm noch einen kräftigen Tritt in den Unterleib. „Ob du das verstanden hast, du Idiot? Du denkst wohl, dass du hier einen Sonderstatus hast, was?“ brüllte er.

Die anderen Arbeiter glotzen verdutzt und vergruben ihre Gesichter hinter den Pausenbroten, die sie mitge- bracht hatten. Kohlhaas fühlt sich derweil wie ein getretener Köter, den man vor allen umherscheuchte, was der Realität auch sehr nahe kam.
Ohne seine Handlung zu überdenken, sprang er auf und richtete sich vor dem Beamten des „Ministeriums für Produktionsüberwachung“ auf.
„Sei froh, dass du mein Vorgesetzter bist, sonst würde ich dir deine Fresse polieren!“ schrie er mit aufkochender Wut. Gert Sasse war verdutzt. A-341 wischte sich das Blut trotzig von der Oberlippe.

Etwa eine Stunde später wartete der Arbeiter noch immer vor der Tür des Produktionskomplexleiters. Sasse war in seinem Büro und Frank hörte ihn fluchen und wettern. Das verhieß wahrlich nichts Gutes.
„A-341, reinkommen!“ tönte die Stimme des obersten Chefs dieser Arbeitsanlage durch den hell erleuchteten Gang.
Der junge Mann setzte sich in Bewegung und ließ sich auf einem Stuhl in der Mitte des Büroraums nieder. Es folgte eine kurze Stille, dann begann es:
„Ich habe mir mal Ihren Scanchip angesehen, A-341!“ berichtete Herr Reimers, der Produktionskomplexleiter. „Sie sind in den zehn Jahren ihrer Tätigkeit hier dreimal zu spät gekommen. Zudem fallen Sie mir hier ehrlich gesagt auch nicht das erste Mal negativ auf. Sie sind bereits wegen subversiver Aussagen am Arbeitsplatz, was sicher auch einige Ihrer Kollegen bestätigen können, vorgemerkt — sogar mit einem Blaucode 67-Beta, falls Sie es noch nicht wussten, A-341?

Wir werden in den nächsten Tagen die Videobänder Ihrer Arbeitstage durch den Computer jagen und dann per „Voice-Analysis-System“ sicherlich noch das eine oder andere finden.
Was Sie hier getan haben, gab es bisher noch nie! Bedrohung eines Mitarbeiters der obersten Behörde für Produktionsüberwachung. Haben Sie denn nur Luft im Kopf, Junge? Wenn ich in einem solchen Fall nicht durchgreife, dann droht mir der dickste Ärger und darauf habe ich keine Lust. Ich muss Sie entlassen, A-341! Weiterhin bin ich vorschriftsmäßig dazu verpflichtet, auf einen solch unglaublichen Vorfall mit einer Meldung an die zuständige Bezirksverwaltung zu reagieren. Verschwinden Sie jetzt aus diesem Produktionskomplex und packen Sie Ihre Sachen, A-341!“
Frank Kohlhaas, der soeben entlassene Arbeiter, wusste sich vor Entsetzen kaum zu halten. Seine Stimmbänder schienen eingerostet, seine Kehle war verschnürt, sein irgendwo auf Eis gelegter Mut hatte sich verflüchtigt.
Er ging, ging einfach hinaus, leichenblass und mit dröhnendem Schädel, ohne zu antworten. Gerade hatte er die Quelle für seinen Lebensunterhalt verloren und das war in dieser Zeit kein Spaß.

Wie in Trance ging der junge Mann in den Umkleideraum des Produktionskomplexes und öffnete geistesabwesend die verbeulte Blechtür seines Spints. „Entlassen“ — dieses Wort klang in jener Zeit wie der Schnitt eines Rasiermessers in das Bewusstsein eines jeden Hörers.
Es war mit dem Wort „Liquidierung“ verwandt, denn es kam einer Vernichtung im sozialen Bereich gleich. Entlassen zu werden bedeutete, keinen Globe, so nannte man die internationale Währung seit dem Jahre 2018, mehr in der Tasche zu haben. Wenn man nicht schnellstens eine neue Anstellung fand, konnte man Wohnung, Nahrung und letztendlich auch sein Leben verlieren.
Jegliche soziale Absicherung durch den Staat war seit dem kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft im Winter 2012/13 vollständig abgeschafft worden. Und Arbeit zu finden war in einer Zeit, in der die industrielle Produktion im alten Mittel- und Westeuropa zum größten Teil in die Dritte Welt ausgelagert worden war, mehr als schwierig. So kämpften sich Millionen in jener dunklen Gegenwart mit extrem schlecht bezahlten Jobs durch, hangelten sich von einem Hungerlohn zum anderen oder fielen einfach durch das soziale Netz und endeten als Bettler und Obdachlose, die langsam vor sich hin siechten.

Am nächsten Tag wachte Frank nach einer sorgenvollen und unruhigen Nacht nicht vom schrillen Geheul seines Weckers auf, sondern durch den fauligen Geruch aus dem Treppenhaus, der entgegen des Zeitgeistes, noch von keinem liquidiert worden war.
Erst in den frühen Morgenstunden hatte er es geschafft einzuschlafen, schreckte jedoch immer wieder auf, weil ihm das Grübeln und die unschönen Gedanken lange den Schlaf verwehrten.
Als erster Gedanke des neuen grauen Tages schoss ihm das Gesicht des Herrn Sasse in den Kopf und die Miene von Bürger 1-564398B-278843 verzog sich zu einer hasserfüllten Fratze, als er sich vorstellte, wie er den Beamten wie einen räudigen Hund mit einer Eisenstange erschlug.
„Dieser Bastard! Wenn ich jetzt wegen dem vor die Hunde gehe, dann mache ich ihn vorher kalt!“ fauchte er zornig. Dann hob er sich aus dem Bett und starrte aus dem schmutzigen Fenster seiner Wohnung im 23. Stock. „Verdammt, was mache ich denn jetzt?“ dachte er sich. „Ich muss irgendwie Geld verdienen, sonst sperren sie mir noch diesen Monat das Konto auf meinem Scanchip, weil ich die verfluchten Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.“

Nach einer weiteren Stunde nutzloser Grübelei verließ er seine Wohnung, atmete im Hausflur nicht allzu tief ein und stieg die dunklen Treppen hinab ins Erdgeschoss. Der Aufzug war seit Monaten defekt und niemand schien auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ihn zu reparieren.
Der einzige, der Frank als potentieller Arbeitgeber in der Not einfiel, war Stefan Meise, der Schrotthändler, ein alter Schulfreund. Sein Schrottplatz war etwa eine halbe Stunde Fußmarsch von seinem Wohnblock entfernt.
So machte er sich auf den Weg durch die mit Müll übersäte Strasse seines Viertels und erreichte einige Zeit später müde und frustriert sein schlammiges, mit rostigen Autos und allerlei Eisenschutt bedecktes Ziel. Stefan Meise war in diesem Berg von Rostteilen allerdings nicht schwer zu finden. Er war dick, vollbärtig und sehr groß geraten. Eigentlich unterschied er sich optisch kaum von dem, was er sammelte und verkaufte.
„Hallo Stefan! Ich dachte, ich schaue mal vorbei!“ begrüßte ihn Frank etwas halbherzig.

„Ach, der Frank Kohlhaas, was? Wie ist die Lage?“ antwortete der dicke Schrotthändler. „Von dir habe ich ja ewig nichts mehr gehört.“ „Ja, ich dachte, ich besuche dich mal. Läuft der Schrotthandel noch, Stefan?“ fragte Frank. „Du hast hier ja.äh.einiges an Zeug rumliegen. Woher bekommst du das denn immer her?“
„Naja, ich sammele ein, was ich finden kann. Wie man das als Schrotthändler halt so macht. Was soll die komische Frage, hä? Was gibt es denn, Kohlhaas?“ erwiderte Meise.
„Ich bin gestern aus meiner Arbeitsstelle rausgeworfen worden“ sagte Frank. Sein rundliches Gegenüber schaute etwas verwundert und rieb sich seine öligen, breiten Finger an seinem schwarzblauen Overall ab.
„Das ist ja ein Mist, Frank! Und nun?“ fragte Stefan leicht ratlos.
„Ja, nun suche ich etwas Neues. Notfalls auch nur als Aushilfe. Vielleicht kannst du ja noch eine helfende Hand gebrauchen?“ murmelte der junge Mann.

Für eine halbe Minute glotzte Meise den Arbeitslosen aus seinen gelblich wirkenden Glupschaugen an. Dann blickte er zu Boden und versuchte seine unangenehme Antwort möglichst schonend zu verpacken.
„Also bei mir arbeiten oder wie?“ fragte er nach. „Also, Frank, es ist zur Zeit bei mir so.so, dass ich also selbst gerade mal über die Runden komme. Es sind schlechte Zeiten, das brauche ich dir ja nicht zu sagen. Ich mache hier fast alles selbst und nur der Ralf hilft mir ab und zu. Das reicht eigentlich auch. Eine Aushilfe oder so brauche ich an sich nicht.“

Frank Kohlhaas war nie ein Meister im Verstellen gewesen und wer ihn jetzt sah, merkte ihm die Verzweiflung deutlich an.
„Und nur für zwei Monate?“ presste er aus sich heraus. „Ich brauche hier keinen und kann mir auch keinen zweiten Mann leisten, Frank!“ entgegnete der dicke, ölverschmierte Mann und wandte sich ab. „Tut mir leid, aber ich habe jetzt noch zu tun. Sei nicht böse, aber es geht nicht.“
Wieder zu Hause angelangt, stieß Frank einen seiner schlimmsten Flüche aus und trat gegen seinen Küchentisch. Er durchsuchte sein Hirn verzweifelt nach anderen Möglichkeiten einer Anstellung und hakte im Geiste sämtliche Produktionskomplexe ab, die es noch im Großraum von Berlin gab. Allerdings war hier das Problem, dass er vermutlich durch den Zusammenstoß mit dem Beamten des „Ministeriums für Produktionsüberwachung“ von seinem Chef einen negativen Eintrag in seinem ScanchipRegister verpasst bekommen hatte, was eine zukünftige Einstellung in einem anderen Industriebetrieb so gut wie unmöglich machte.

Er hatte für diesen Monat noch 246 Globes auf seinem elektronischen Konto. Über 400 Globes kostete allein die Miete für seine schäbige Wohnung in diesem verrotteten Block. Die Zeit drängte mit jedem Tag mehr und der dunkle Schatten der Verzweiflung wuchs mit den verstreichenden Stunden. Er überwucherte Franks Geist wie ein bösartiges Geschwür.
Nachdem sich der junge Mann eine äußerst billig produzierte Sitcom angesehen hatte, schaltete er den Fernseher aus und versuchte zu schlafen. Doch es war erst 23.00 Uhr und die Erschöpfung hatte bedauerlicherweise noch nicht den nötigen Grad erreicht, um ein sorgenvolles Gehirn abzuschalten und ihm die wohlverdiente Ruhe zu schenken.

So vergingen mehrere Stunden, in denen Frank die dunkle Decke anstarrte und den Produktionskomplex 42b mit all seinen Vorgesetzten, Überwachern und Arbeitern im Geiste verfluchte.
Dann fiel ihm wieder der Gestank aus dem Hausflur auf und kurzzeitig schwoll der Nebel der Verzweiflung in seinem Kopf so stark an, dass er überlegte, sich eine Kugel hindurch zu jagen. Die bösen Gedanken und Sorgen hätte er am liebsten mit einer großkalibrigen Schrotflinte, die sein Hirn sauber über die vergilbte Tapete hinter seinem Bettgestell verteilte, wegoperiert.
Frank Kohlhaas dachte im Laufe der Nacht noch über viele Dinge nach. Über sein bisher so nutzloses Leben, die Einsamkeit, die Eintönigkeit und den klaffenden Abgrund, der jetzt auf ihn wartete. Er kam in dieser Nacht zu keiner Lösung und nicht ein kleinstes Fünkchen Hoffnung leuchtete irgendwo. Nichts. Draußen war es dunkel, vor dem Haus konnte Frank ein paar zerfetzte Müllsäcke erkennen, die schon mehrere Wochen dort herumlagen. Dann war er endlich so müde, dass er mit dem Kopf auf der Fensterbank einschlief.

Bis zum Ende der Woche war die Suche nach einem neuen Broterwerb erwartungsgemäß erfolglos geblieben. Es schien im Umkreis von mehreren Kilometern überhaupt keine Arbeit mehr zu geben. Eine Nachfrage bei der örtlichen Verwaltung hatte zudem zu Tage gefördert, dass Frank mittlerweile tatsächlich einen Negativeintrag wegen „Störung des Betriebsfriedens“ in seinem ScanchipRegister hatte.
„Die Idee mit der Schrotflinte ist vielleicht gar nicht so übel. Aber vorher besuche ich noch diesen Sasse“ zischte Frank in sich hinein, als am Freitag für seine ehemaligen Kollegen des Produktionskomplexes 42b das kurze Wochenende begann.
Samstag und Sonntag investierte er dann einige seiner letzten Globes in den billigen Schnaps vom Kiosk an der Ecke. Allein in seiner kleinen, lieblos eingerichteten Wohnung, im dunklen Wohnblock, in einer dunkler werdenden Zeit. Sein Schicksal und seinen Schmerz nahm niemand wahr. Genau so wie Frank Kohlhaas niemals den Schmerz der anderen, die sich in ihren Wohnwaben hinter der verwitterten, grauen Fassade des Hochhauses verkrochen, wahrgenommen hatte.

Wenn er sich jetzt den Schädel wegschießen oder sich tot saufen würde, dann würde er vermutlich bald genau so riechen wie der Flur auf seiner Etage und es würde wohl noch nicht einmal jemandem auffallen. Irgendwie war der Gedanke so krank, dass er Frank ein gequältes Lächeln entlockte.
Man musste hartem Alkohol trotz seines schlechten Rufes wirklich eines lassen: Er hatte bereits Millionen besorgte Menschen sanft in den Schlaf gesungen. Keine Sorge konnte so groß sein, dass man sie nicht mit einer Woge des guten und vor allem billigen Fusels vom nahegelegenen Kiosk wegspülen konnte. Das hatte Frank in den letzten zwei Tagen eindrucksvoll bewiesen, sozusagen im Selbstversuch.
„Biep! Biep! Biep!“ dröhnte es montags um 6.30 Uhr morgens aus der Küche, wo Frank im vernebelten Kopf seinen Scanchip hatte liegen lassen. „Biep! Biep! Biep!“
„Guten Morgen, Bürger 1-564398B-278843! Sie haben eine Message der Prioritätsstufe Alpha auf Ihrem Scanchip!“
„Guten Morgen, Bürger 1-564398B-278843! Sie haben eine Message der Prioritätsstufe Alpha auf Ihrem Scanchip!“
„Guten Morgen, Bürger 1-564398B-278843! Sie haben eine Message der Prioritätsstufe Alpha auf Ihrem Scanchip!“
sagte eine elektronische Frauenstimme immer wieder.

„Hmmm… “ brummte Frank, dem man den starken Restalkohol noch mehr als anmerken konnte. „Verflucht.. .was?“ stammelte er und rollte sich aus seiner nach Schnaps riechenden Bettwäsche.
„Was soll der Scheiß? Verdammt! Halt die Schnauze, du Drecksteil!“ knurrte er und schlurfte mit einem üblen Brummschädel zum Küchentisch.
Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis Frank der Pincode eingefallen war und er sich bis ins Scanchip-Menü zum Abrufen seiner Nachrichten vorgekämpft hatte. Dann traf ihn fast der Schlag.
„Wie? Vorladung? Was? Hä?“ stotterte Bürger 1- 564398B-278843 verstört.
Er musste es erst zweimal lesen, um es zu glauben. Das musste ein schlechter Scherz sein.
„Was zum Teufel ist das jetzt, verdammt?“ brachte er nur heraus.
Offizielle Vorladung:
Bürger 1-564398B-278843,
Sie werden im Zuge eines automatisierten Gerichtsverfahrens offiziell am 14.08.2027 um 8.00 Uhr morgens vorgeladen.
Tatvorwürfe:
– Massive Störung des Betriebsfriedens
– Theoretische schwere Körperverletzung
Finden Sie sich zum besagten Zeitpunkt in Gerichtszelle 4/211 bei Ihrem örtlichen Justizkomplex ein.
Bei Nichterscheinen droht Ihnen unter anderem die Löschung Ihres Scanchips und die Inhaftierung!*
(*vgl. §127b, „Bürgerpflichten und theoretische Sanktionen “)
Amtlicher Aktencode: 257789000-0100567-2345441113-EGN-59900-4/211
Angeklagtennummer: 319444-556.77
Wir danken für Ihre Kooperation!
Franks alkoholvernebeltes Katergehirn begann zu schmerzen und zu rotieren: „Vorladung? Wie bitte?“
Er war etwas verwirrt und konnte sich an keine schlimme Straftat in seinem bisherigen Leben erinnern.

„Weil ich diesen verfluchten Sasse mal kurz angeschnauzt habe oder was?“ dachte er. „Das kann doch nicht sein. Ich habe ihm schließlich kein Haar gekrümmt. War doch nur kurzzeitig wütend, ein sehr schnell vorübergehender Ausraster. Ich verstehe das nicht. Und was zur Hölle meinen die mit „theoretischer schwerer Körperverlet- zung“?“ Und es war wahr: Frank Kohlhaas, der aushelfende Bürger mit dem amtlichen Kennzeichen 1-564398B- 278843 hatte noch niemals jemandem etwas getan. Außer damals im Kindergarten, als er diesem nervigen Dirk eine Ohrfeige gegeben hatte und seine Eltern bei der Hortleitung erscheinen mussten. Die örtliche Erziehungsbehörde zeigte sich damals kurzzeitig besorgt und redete davon, dass Frank „unterschwellige Aggressionen“ hätte, ein „bedenklich frühmaskulines Verhalten“ zeige und vielleicht eine Therapie mit Beruhigungsmitteln sinnvoll wäre.

Aber das war viele Jahre her. Die Therapie konnte ja auch abgewendet werden, da das Kind seinen Fehler vor einem Gremium von Psychologen und Sozialpädagogen bereute und seine Eltern versicherten, dass sie Frank sofort melden würden, wenn er noch einmal diesbezüglich auffiele.
Er fiel aber nicht mehr auf. Nicht einmal eine Ohrfeige oder einen kleinen Schubser verpasste er seit seinem fünften Lebensjahr irgendeinem anderen Mitmenschen auf dieser Welt mehr. Nein, er fiel überhaupt nicht mehr auf. Und schon gar nicht als Mensch mit „unterschwelligen Aggressionen“.
In Gedanken oder im Traum schlug er manchmal den einen oder anderen Vorgesetzten oder Verwaltungsmitarbeiter zusammen, aber das war geheim und brauchte daher auch nicht therapiert zu werden.

Weiterhin war es auch das erste Mal, dass der sonst vollkommen unauffällige Wohnblockbewohner Frank Kohl- haas mit einem „automatisierten Gerichtsverfahren“ in Berührung kam. Der Bürger hatte allerdings schon einmal in den Abendnachrichten davon gehört, da es vor etwa drei Jahren neu von der Weltregierung eingeführt worden war. Darunter vorstellen konnte er sich nichts, aber warum sollte er das auch: Er war niemals straffällig geworden und hatte mit so etwas nichts zu tun.

So hatte er weder einen blassen Schimmer davon, was jetzt auf ihn wartete, noch machte er sich allzu schlimme Gedanken bezüglich dieser Vorladung. Vermutlich war es eine reine Formalität, ein Sachverhalt, der sich klären ließ. Er hatte niemanden verletzt und deswegen war er auch nicht zu verurteilen. Und seine Arbeitsstelle hatte er ja bereits wegen der „Störung des Betriebsfriedens“ verloren. Was konnte also sonst noch passieren? Der Arbeitslose drückte geistesabwesend auf „Voice Presentation“, so dass die Nachricht noch einmal langsam von der computeranimierten Frauenstimme vorgelesen wurde. Das war ebenfalls eine Neuheit. Die Verwaltung hatte die „Voice Presentation“ vor einigen Jahren eingeführt, da viele Bürger mittlerweile Analphabeten waren, vor allem die jüngere Generation, und wichtige amtliche Nachrichten daher auch in vorgelesener Form verfügbar sein mussten.

Der Rest jenes Tages verging ohne weitere spektakuläre Ereignisse. Der 14.08.2027 war bereits morgen. „Dann habe ich wenigstens einen Grund aufzustehen“ dachte sich Frank und grinste mit leidender Miene.
Er versuchte noch, seinen Vater anzurufen, um ihn um ein wenig Geld anzubetteln, aber der ging den gesamten Tag über nicht ans Telefon. Aber es war noch etwas Schnaps da. Frank betrank sich bis es dunkel wurde und schlief dann irgendwann ein. Beinahe hätte er vergessen, seinen Wecker zu stellen …

Quelle: Beutewelt Teil 1

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